Meine erste Skitour

1. Einleitung

Irgendwann waren wir alle "Anfänger". Vielleicht sind wir in Wirklichkeit immer noch "Anfänger"!? Schnee ist ein Buch mit sieben Siegeln und im Kern auch von der Wissenschaft unverstanden. Klar, praktische Erfahrung und theoretisches Wissen ist hilfreich, aber Studien zeigen, dass erhöhte Fähigkeiten oft durch ein offensiveres Verhalten kompensiert werden. Erfahrene Skitourengänger leben also nicht unbedingt weniger gefährlich, als Einsteiger! Wir sollten uns auf unsere Fähigkeiten deshalb nicht allzu viel einbilden. Wie erfahren auch immer wir sind, niemand hat den Röntgenblick. Es sind in der Regel v.a. oberflächliche Merkmale der Schneedecke, die wir erfassen können. Nicht immer genügen diese Informationen, um ein reales Bild der Schneedecken-Stabilität zu gewinnen.

2. Erste Schritte

Praktische Erfahrung

Damit du Skitouren selbständig planen und durchführen kannst, brauchst du praktische Erfahrung. Erfahrung kannst du aufbauen, indem du dich jemandem anschliesst. Der SAC, die Naturfreunde Schweiz oder kommerzielle Anbieter (bspw. Bächli Bergsport, Bergpunkt, Mammut Alpine School) bieten Skitouren und Snowboardtouren an. Natürlich kannst du dir auch einen eigenen Bergführer nehmen. Oder du machst deine erste Erfahrungen in einem gut organisierten Lawinenkurs (siehe weiter unten).

Welcher Gruppe auch immer du dich anschliesst, sie wird von einem formellen oder informellen Gruppenleiter geführt werden. Dies stellt dich schon ein mal vor ein erstes Problem: Unabhängig von den tatsächlichen Fähigkeiten deines Gruppenleiters, weisst du nie genau mit wem du es eigentlich zu tun hast. Trotzdem legst du bis zu einem gewissen Grad dein Leben in die Hände dieser Person. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass auch erfahrene Gruppenleiter, namentlich auch Bergführer und ausgebildete Skitourenleiter, regelmässig in Lawinenunfälle verwickelt wurden.

Die Lösung dieses Dilemmas liegt in der Kommunikation! Fordere deine Gruppenleiter heraus: "Warum gehen wir genau auf diese Route? Was sagst du zu den Lawinenabgängen dort drüben? Warum fahren wir diesen Hang hinunter, obwohl die Abfahrt über die Aufstiegsspur geplant war? Der Skitourenguru meint "rot" zu dieser Route, welche Gründe bringen dich zur Überzeugung, dass die Tour trotzdem geht?" Mag sein, dass du dich unbeliebt machst, aber vielleicht ergeben sich ja auch spannende Diskussionen aus den Fragen.

Vertrauen ist eine schöne Sache, aber wem vertraust du dich hier eigentlich an? Daniel Kahneman schreibt in Schnelles Denken, Langsames Denken: "Das Vertrauen, das Menschen in ihre Intuitionen haben, ist kein verlässlicher Massstab für deren Richtigkeit. Anders gesagt, trauen Sie nie jemandem - auch nicht sich selbst -, der Ihnen sagt, dass Sie seinem Urteil vertrauen sollten."

Lawinenkunde

Theoretisches Know-How über Lawinen für sich alleine ist zwar niemals hinreichend, aber mit Sicherheit notwendig für das selbständige Planen und Durchführen von Skitouren. Folgende vier Bücher sind der Königsweg zum theoretischen Wissen:

Falls du nicht lange Bücher bestellen willst, kannst du auch gleich mit folgenden drei Links loslegen:

  • Interpretationshilfe Lawinenbulletins: Interpretationshilfe zu den Lawinenbulletins des SLF.
  • Achtung Lawinen: Merkblatt des SLF/SAC zu Lawinen. Es umfasst die aktuell gültige "Lawinendoktrin" der Schweiz und ist v.a. als Begleitmaterial zu Kursen geeignet.
  • WhiteRisk: Die Schulungs- und Planungs-Plattform des SLF (Abo ab 29 Fr. pro Jahr).

Ein guter Lawinenkurs kann idealerweise theoretisches Wissen mit erster praktischer Erfahrung verknüpfen. Neben dem SAC haben vor allem kommerzielle Anbieter ein Angebot im Programm, das vom Schnuppertag bis zum mehrtägigen Lawinenkurs reicht:

Die Lawinenkurse sind in den letzten Jahren immer wieder in die Kritik gekommen, weil sie einen starken Hang haben die Rettung (LVS-Suchspiele) in den Mittelpunkt zu stellen und die eigentliche Lawinenkunde hintenan zu stellen. Es kann also Sinn machen ein paar kritische Fragen zu stellen, bevor du einen Kurs buchst. Lawinenkunde ist komplex. Die Lawinengefahr ist insbesondere für Einsteiger kaum als solche erkennbar. Die Lawinenkunde besteht aus einem aufbauenden Toolset, das nach dem Niveau an praktischer und theoretischer Erfahrung unterscheidet. Für Einsteiger stehen die 3x3-Regel und die Risiko-Reduktionsmethoden im Vordergrund (GRM, Stop-Or-Go, DAV-SnowCard). Dem Einsteiger sei empfohlen, sich zunächst im tiefen Risikobereich der Reduktionsmethoden zu bewegen.

Was auch immer du zur Lawinenkunde lernst, ein Buch oder ein Lawinenkurs macht dich noch nicht zum Lawinenexperten.

3. Skitourenguru für Einsteiger?

Skitourenguru ist ein Tool, das dir bei der Auswahl und Planung einer Skitour Hilfestellung leistet. Doch was nützt eine perfekt geplante Skitour, wenn sie dann doch in einem alpinen Wintergelände stattfindet, das hohe Ansprüche an die Erfahrung der Skitourengänger stellt? Skitourenguru richtet sich deshalb an ein Publikum, das den Anforderungen des alpinen Wintergelände gewachsen ist.

Bevor du Skitourenguru nutzt, solltest du mindestens die Einführung gelesen haben. Bei Fragen kannst du dir die Sektion Fragen und Antworten zu Gemüte führen. Die Skitourenplanung findet idealerweise am Vorabend nach 17.30 h statt. Zu diesem Zeitpunkt stehen das neuste Lawinenbulletin und die Risiko-Indikatoren von Skitourenguru zur Verfügung. Jede Skitourenplanung beginnt mit einer Kandidatenliste. Einsteigern und allen die "defensiv" planen möchten, sei empfohlen die Filter so zu setzen, dass nur "grüne Routen" und Routen mit einem Schwierigkeitsgrad unter WS (Wenig Schwierig) ausgewählt werden.

Nun musst du dir darüber im Klaren sein, dass auch solche Routen niemals ganz sicher sind. Dies gilt unter anderem bei Nassschnee-Situationen. Nassschnee-Situationen entstehen bei warmen Witterungsverhältnissen, d.h. typischerweise im Frühling, aber manchmal auch im Hochwinter. Solche Situationen kannst du am Gefahrenbeschrieb des Lawinenbulletins oder am Thermometer-Icon erkennen (siehe nächstes Bild).

Bei Nassschnee-Situationen sind folgende zwei Punkte wichtig:

  • Früh starten und rechtzeitig (d.h. sicher vor 12 h, manchmal bereits am 10 h) das Lawinengelände verlassen.
  • Insbesondere steile Hänge mit hoher Sonneneinstrahlung (Süd- und Osthänge, nachmittags auch Westhänge) meiden.

Skitourenguru kann dir helfen eine massgeschneiderten Liste von Skitouren, die möglicherweise "kompatibel" zum aktuellen Lawinenbulletin sind, zusammenzustellen. Mit dieser Liste von Skitouren kannst du anschliessend die Phase 1 der 3x3-Regel (Planung) beginnen. Spätestens an diesem Punkt kommt dein Know-How zur Lawinenkunde zum tragen.

4. Entscheidungsfindung

Praktisches und theoretisches Know-How zur Lawinenkunde ist hilfreich, aber nicht unbedingt hinreichend. Eine zentrale Rolle spielen menschliche Faktoren. Die Entscheidungsfindung in der Gruppe ist geprägt durch ein komplexes Gefüge aus rationalen und emotionalen Interaktionen. Einer, der sich bereits Mitte der 1990er-Jahre mit der Problematik der Entscheidungsfindung auf Skitouren befasst hat, ist der Amerikaner Ian McCammon. Er hat fast 600 Lawinenunfälle untersucht und sechs typische Fallen herausgearbeitet:

Familiarity: Ich kenne mich hier aus, diese Linie war noch immer sicher.
Acceptance: Ich will nicht der Spielverderber sein, der sich nicht traut.
Commitment: Jetzt sind wir schon so weit gekommen, jetzt können wir nicht zurück.
Expert halo: Der da vorne, der weiss schon, was er tut!
Tracks: Lass uns die Linie fahren, bevor die hinter uns da sind.
Social facilitation: Die anderen fahren das auch. Das ist bestimmt sicher.

Mehr zum Thema findest du im SAC-Heft März 2016: Der Fehler liegt im Kopf.

5. Praktische Tips

Im folgenden ein Liste von praktische Tips, die sich durch Klarheit und Eindeutigkeit auszeichnen:

Lawinenbulletin

Gemäss einer Umfrage des DAV kannten nur rund zwei Drittel der Personen die Gefahrenstufe jenes Gebietes, in dem sie gerade unterwegs waren. Nur 7 % der Skitourengänger konnten den Inhalt der Begleittexte des Lawinenbulletin wiedergeben. Die Begleittexte des Lawinenbulletins mögen auf den ersten Blick immer recht ähnlich aussehen, in Wirklichkeit tragen sie jedoch fein abgestimmte Informationen über dein Gefahrengebiet. Damit du die Texte auch richtig interpretieren kannst, sei dir die Lektüre der Interpretationshilfe Lawinenbulletin empfohlen. Das Lawinenbulletin ist eine Prognose, die nicht immer zutrifft. Willst du selbständig Touren durchführen, ist es wichtig, dass du lernst, anhand eigener Beobachtungen die Aussagen aus dem Lawinenbulletin zu überprüfen. Aber Achtung, hier lauert bereits eine erste Falle: Wenn du systematisch aus jeder Stufe 3 (erheblich) eine Stufe 2 (mässig) machst, stimmt etwas nicht.

Routenwahl

Es ist sicher sinnvoll sich vorgängig Gedanken zu möglichen Gipfel-Zielen zu machen. Die Routenwahl darf aber erst am Vorabend 17.30 h getroffen werden. Erst in diesem Moment steht das Lawinenbulletin (gültig für den nächsten Tag) zur Verfügung und Skitourenguru hat die Risiko-Indikatoren berechnet. Am Vorabend hat zudem die Wetterprognose eine meist hervorragende Treffsicherheit. Eine langfristige Tourenplanung ist immer ein zweischneidiges Schwert. Sie birgt wegen "mentaler Einengung" die Gefahr eine rationale Routenwahl zu unterwandern. Dein Ziel muss gut auf die aktuellen Verhältnisse abgestimmt sein. Bei diesem Schritt kann dir Skitourenguru helfen.

Zeitplan

"Skitourengänger sind Frühaufsteher", so lautet das Klischee. Vor allem bei Nassschnee-Situationen ist es tatsächlich wichtig früh zu starten und rechtzeitig (d.h. sicher vor 12 h, manchmal bereits am 10 h) das Lawinengelände zu verlassen. Frühaufsteher haben ausserdem bei nicht vorhergesehenen Zwischenfällen mehr Spielraum zum reagieren. Wer eine Gewohnheit aus dem Frühaufstehen macht, ist auf der sicheren Seite

Risikosituationen

Folgende Situationen weisen ein hohes Unfall-Risiko auf:

  • Der Dreiklang aus steil, Nordhang und "erheblich".
  • Der erste schöne Tag nach einer Schlechtwetterperiode.
  • Die Kombination aus heikler Lawinensituation und schlechter Sicht.

Umkehren

Kannst du umkehren? Klar können wir umkehren, wir sind schliesslich vernunftbegabte Wesen und handeln rational. Aber stimmt das auch? Spätestens in einer Gruppe ist Umkehren keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn nicht ich unbedingt auf den Gipfel möchte, dann ist es sicher sonst jemand aus der Gruppe. Diskussionen gehen wir lieber aus dem Weg. Umkehren ist nicht einfach! Wer sich dessen bewusst wird, erhöht seine Chancen dann tatsächlich umzukehren, wenn es ernst wird.

Spuranlage

Eine optimale Spur verknüpft verschiedene Kriterien, wie Ergonomie, Ästhetik und natürlich vor allem die Exponiertheit gegenüber Lawinen zu einem Kunstwerk. Wer einer vorgegeben Spur entlang läuft, verschliesst sich der Frage, wo die optimale Spur sein könnte. Die Anlage einer eigenen Spur im Tiefschnee ermöglicht fallweise auch den Zugang zu weiteren Informationen (z.B. Wurm-Geräusch, partieller Eindruck zum Schneedeckenaufbau). Grundsätzlich geht es bei der Spuranlage um folgende Punkte:

  1. Besser auf Rücken und Rippen, als in Mulden oder Rinnen.
  2. Rampen, Terrassen und Ebenen aufsuchen.
  3. Wo möglich einen Hang nicht anschneiden, sondern in gebührender Entfernung zum Hangfuss verbleiben.
  4. Umwege in Kauf nehmen, d.h. auch mal kurz abfahren und dabei ein paar Höhenmeter verlieren.
  5. Eventuell dem Grat den Vorzug geben, auch wenn dies nur mit den Skiern auf dem Rücken geht.
  6. Steilste Hangpartie meiden.

Alarmsignale

Bei fast allen Schneebrettauslösungen wurden kurz zuvor Wumm-Geräusche wahrgenommen. Das heisst nun aber nicht, dass im Umkehrschluss, bei Ausbleiben von Wumm-Geräuschen alles in Ordnung sei. Wumm-Geräusche sind das lange gesuchte, hinreichende Alarmsignal für instabile Schneeverhältnisse. Dasselbe gilt falls Spontanlawinen beobachtet werden bzw. wenn per Fernauslösung aktiv eine Lawine ausgelöst wird.

Abstände

Entlastungs-Abstände sind eine zusätzliche Sicherheitsmassnahme, die zum Ziel hat den Hang minimal zu belasten. Eigentlich möchten wir einen Hang, der nur deshalb nicht abgleitet, weil er mit 75 kg statt mit 150 kg belastet wird, eigentlich gar nicht betreten. In Anbetracht der grossen Unsicherheiten macht es dennoch Sinn, die Schneedecke so wenig wie möglich zu belasten. Im Aufstieg halten wir deshalb Entlastungs-Abstände von 10 bis 20 m ein. Während der Abfahrt über heikle Abschnitte üben wir uns in einer schonenden Fahrweise. Wissenschaftlich Untersuchungen haben ergeben, dass Schnee bei einer schockartigen Belastung eine rund zehnmal geringere Festigkeit aufweist, als bei langsamer und stetiger Krafteinwirkung.

Sicherheits-Abstände können gewährleisten, dass sich immer nur eine Person in einer spezifischen Gefahrenzone aufhält. Es ist eben ein grosser Unterschied, ob bei einem unbedingt zu vermeidenden Lawinenabgang "nur" eine Person verschüttet wird oder gleich die ganze Gruppe. Sicherheits-Abstände müssen je nach Gefahrenzone bis zu mehreren hundert Meter gross sein. Ausser bei schlechten Sichtverhältnissen oder bei einem knappen Zeitbudget spricht eigentlich nichts gegen Sicherheits-Abstände. In der Abfahrt ist es meist ohne Zeitverlust möglich Schlüsselstellen einzeln abzufahren und sich als Gruppe erst an einem sicheren Standort zu besammeln.

Abfahrt

Ca. 60 % der Lawinenunfälle geschehen während der Abfahrt (Quelle). Die Belastung auf die Schneedecke ist höher, zudem wird wird oft mehr und steileres Gelände befahren. Vor allem wenn viele Leute unterwegs sind, werden quasi fast systematisch die Hänge nach Schwachstellen "abgesucht". Die Entscheidungsfindung während der Abfahrt unterliegt einem (oft unnötigen) Zeitdruck: Der Pulverschnee lockt, alle stehen in den Startlöchern. "Komm wir fahren dort drüben ab, okay? Ja okay!" Und schon werden Tatsachen geschaffen. Die Planung der Abfahrt gehört ebenso zur vollständigen Skitourenplanung, wie die Planung des Aufstieges. Strategiewechsel müssen immer besprochen und begründet werden. Einsteigern sei der Rat ans Herz gelegt grundsätzlich immer über dieselbe Route abzufahren, über die aufgestiegen wurde.

Wald und Gebüsch

Nach Lehrmeinung bietet Wald erst dann Schutz, wenn er fast nicht mehr befahrbar ist bzw. wenn man den Himmel nicht mehr sieht. Beim Wald ist jedoch zu beachten, dass er auf einer eher tiefen Höhenstufe angesiedelt ist. Aus der Unfallstatistik ist bekannt, dass in dieser Höhenstufe trotz hoher Begehungsfrequenz relativ wenig Unfälle geschehen. Zudem können die spezifischen klimatischen Verhältnisse im Wald die Bildung einer stabileren Schneedecke begünstigen. Geschlossener Wald ist also besser als sein Ruf. Ganz anders sieht es beim Gebüsch oder bei Sträuchern (z.B. Erlengebüsch) aus. Diese können die Bildung von heiklem Schwimmschnee befördern.

Spuren im Schnee

Ist ein Hang sicher, der bereits befahren wurde? Die offizielle Lehrmeinung verneint diese Frage. Man muss nicht lange suchen, um in den Winterberichten des SLF Beispiele von Unfällen zu finden, die stattfanden obwohl ein Hang bereits tagelang begangen bzw. befahren wurde. Ein spezielles Problem ergibt sich daraus, dass wir nur schätzen können, wie alt die Spuren sind. Wir wissen also nicht, ob die Verhältnisse immer noch gültig sind, die während der letzten Begehung herrschten. Anderseits kann jede Spur im Schnee auch als ein negativer Belastungstest angesehen werden. Wer systematisch unbefahrene Hänge meidet, ist auf lange Sicht im Vorteil gegenüber jemandem, der regelmässig die erste Spur legt. Wenn du den Anderen den Vortritt lässt, kannst du also bis zu einem gewissen Grad das Risiko abwälzen (Englisch: Risk Transfer).

Schneemengen

Was ist besser, viel Schnee oder wenig Schnee? Eine allgemeingültige Antwort auf dieser Frage gibt es nicht. Aus der Unfallstatistik ist bekannt, dass während schneearmen Wintern mehr Lawinenunfälle geschehen, als während schneereichen Wintern. Als Grund wird die aufbauende Schneeumwandlung in Folge des hohen Temperaturgradienten in der Schneedecke angeführt. Wenige, dafür dicke Schneeschichten sind grundsätzlich besser, als viele dafür aber dünne Schneeschichten. Zudem ist bekannt dass sich oft in schneearmen, felsdurchsetzten Hängen leicht Schneebretter auslösen lassen. Rinnen sind in ihrer Mitte oft weniger gefährlich, als an ihren Rändern. Im Zentrum der Rinne kann die Anrissmächtigkeit eines Schneebrettes so hoch sein, sodass es durch einen einzelnen Skifahrer nicht mehr ohne weiteres ausgelöst werden kann.

Lawinenausrüstung

Keine Frage, das LVS (Lawinenverschüttetensuchgerät), die Schaufel und die Lawinensonde sind auf jeder Skitour mit dabei. Damit das Material im Ernstfall auch etwas nützt, sollte der Umgang damit regelmässig geübt werden. Auch der LVS-Test beim Start der Skitour kann nicht schaden. Aber aufgepasst, die Rituale mit der Lawinenausrüstung schützen uns nicht nicht vor Lawinen. Das Material ist gedacht für den unbedingt zu vermeidenden Ernstfall. Von 3166 Personen, die zwischen 1992 und 2012 in Lawinenunfälle im unkontrollierten Gelände verwickelt waren, starben 417 Personen, das sind über 13 % (Quelle). Bei einer Lawinenverschüttung, die den Einsatz des LVS notwendig macht (Ganzverschüttung), liegt das Sterberisiko bei 40 bis 50 % (Quelle). Es ist deshalb blanker Irrsinn die Priorität auf den Lawinenabgang bzw. die Verschüttetensuche zu setzen. Jeder Lawinenabgang ist unbedingt zu vermeiden! Wir wollen nicht wissen, wie sich eine Lawine anfühlt! Leider gibt es eine Tendenz bei Lawinenkursen dem Verhalten in der Lawine und der LVS-Suche grosse Aufmerksamkeit zu schenken. Das gibt zwar Stoff für spannende Spiele, aber es suggeriert immer, dass wir die Lawine überleben können. Lawinenkunde ist Risiko-Management, es geht darum das Risiko auf ein Mindestmass zu reduzieren. Nur für das Restrisiko muss das Material herhalten.