Routen-Korridore (Beta)

1. Einleitung

Als Skitourengänger sind wir es gewohnt, Skitouren in  Linienform auf einer topographischen Karte zu dokumentieren. Nun mögen wir uns zwar mehr oder weniger bewusst sein, dass jede Linie bis zu einem gewissen Grade willkürlich ist, dennoch sind wir versucht in jeder Linie eine Ideallinie zu sehen. Eine Ideallinie mag es im realen Gelände, aber niemals auf der Karte geben. Die Karte klammert gezwungenermassen die aktuellen Skitourenverhältnisse (z.B. Schneeverhältnisse, Wetterverhältnisse, Gruppenverteilung) aus.

Der Gedanke liegt nahe, Skitouren nicht in Form von Linien, sondern in Form von Flächen-Korridoren zu dokumentieren. Das folgende Bild veranschaulicht mit Hilfe eines grauen Transparenztones derartige Korridore. Diese Flächen können helfen, unseren Horizont zu öffnen und einen Blick für die Vielfalt der Varianten zu bekommen.


Die berechneten Korridore auf Skitourenguru basieren auf einer Weiterentwicklung des Algorithmus aus der Masterarbeit von A. Eisenhut (2013). Das Hauptkriterium für die Korridor-Berechnung ist die Begehbarkeit des Geländes. Der optimale Aufstieg soll (insgesamt) so kraftsparend wie möglich sein und wird nicht als Aufstiegslinie, sondern als Fläche dargestellt. Bei einer engen Schlüsselstelle ist die Fläche schmal, im offenen gleichmässigen Gelände jedoch breit.

Die publizierten Korridore sind als Beta-Version zu verstehen und haben noch Verbesserungspotenzial. Beispielsweise könnten kleine Geländebarrieren besser berücksichtigt werden. Konstruktive und kritische Rückmeldungen sowie Fragen sind also höchst erwünscht.

Wichtige Hinweise:

  • Die berechneten Korridore sind ideal bezüglich "Begehbarkeit" aber nicht unbedingt bezüglich "Lawinensicherheit".
  • Die Korridore sind statisch, d.h. sie hängen nicht vom aktuellen Lawinenbulletin oder der aktuellen Schneesituation ab.
  • Die Lawinenrisikobewertung von Skitourenguru bezieht sich immer nur auf die Lage der Linie und nicht auf die Korridorfläche.
  • Die Korridore bilden nur einen Hinweis für die Planung zu Hause (3x3 Filter 1). Die finale Routenwahl muss immer im Gelände (3x3 Filter 2 und 3) erfolgen und kann auch deutlich von der vorgeschlagenen Korridorfläche abweichen.

2. Möglichkeiten

Die tagesaktuellen Lawinenrisikobewertungen von Skitourenguru können helfen, die folgende Frage zu beantworten: Welche Skitour ist heute kompatibel mit der aktuellen Lawinensituation? Der nächste Schritt dreht sich gewöhnlich um folgende Frage: Wo gehe ich am besten durch? Korridorflächen können folgendermassen helfen, diese Frage zu beantworten:

  • Korridore zeigen auf, wo ein kleiner und wo ein grosser Spielraum in der Routenführung besteht.
  • Korridore können verschiedene Varianten sichtbar machen.
  • Korridore helfen als Orientierung, um dien geplante Route als Linie zu legen.
  • Korridore helfen v.a. jenen Personen bei der Tourenplanung, die im Kartenlesen noch nicht so fit sind.
  • Korridore verhindern die Fixierung auf eine Routenlinie.

Die Methode hat grosses Potential, da aus hoch aufgelösten Geländedaten mehr Information zur Verfügung steht, als wir auf der 1:25'000er - Karte lesen und verarbeiten können.

3. Grenzen

Neben den in der Einleitung erwähnten Grenzen gibt es weitere Grenzen:

  • Qualität und weitere Aufbereitung der einfliessenden Geodaten. Bei der aktuellen Umsetzung betrifft dies insbesondere die Verwendung von OSM-Strassen, Wegen und Eisenbahnlinien anstelle der sehr präzisen Daten von Swisstopo.
  • Methodische Umsetzung und Optimierung des Berechnungsmodells (Algorithmus). Viele Faktoren haben einen Einfluss auf die Ausprägung der Widerstandsfläche, welche als Berechnungsgrundlage für die Korridore dient. Eine passende Gewichtung der einzelnen Faktoren zu finden, ist sehr schwierig. Hierfür gibt es bis jetzt noch keine anderen Grundlagen als den vorliegenden Ansatz.
  • Berechnungen können niemals die menschliche Tourenplanung ersetzen.

4. Hintergrund

Detaillierte Informationen zum Algorithmus von A. Eisenhut sind auf dieser Seite abrufbar: Skitourenplanung auf Knopfdruck?

Für die Korridor-Berechnungen auf Skitourenguru konnte das Modell erstmals auf ein umfangreiches Routenset angewendet werden. In diesem Prozess wurde das Modell an diversen Stellen verfeinert. Aus Kostengründen fliessen aber nur dort die bestmöglichen Daten ein, wo sie zwingend benötigt werden (Geländemodell und Bodenbedeckung). OpenStreetMap (OSM) bietet mittlerweile brauchbare Strassen, Wege und Eisenbahnlinien, auch wenn deren Qualität unterschiedlich ist. Innerhalb der Schweiz gilt: Wären alle Ebenen des TLM kostengünstig oder frei verfügbar, könnte die Qualität der Korridorflächen noch deutlich verbessert werden. Fliessen aber Skitourenrouten mit guter Erfassungsqualität in die Berechnung mit ein, lassen sich auch mit den verwendeten Daten brauchbare Korridore rechnen. Zudem können so auch ausserhalb der Schweiz Korridore berechnet werden, sofern Höhenmodell und Bodenbedeckung in ausreichender Qualität vorhanden sind. Folgende Geodaten werden momentan verwendet:

Die Berechnung wird mit der Software ESRI ArcGIS 10.2.2 erstellt und basiert auf dem Prinzip der Verbindungsentfernung (Path-Distance). Als wichtigste Basis dafür wird die Oberfläche „Anstrengung/Begehbarkeit“ aus den oben aufgeführten Geodaten abgeleitet. Jedem Ort der Erdoberfläche (10x10m) wird eine „Durchquerungs-Anstrengung“ zugewiesen. Die folgende Grafik zeigt eine Zusammenstellung der Einflussfaktoren und Anstrengungs-Bewertung.


Sämtliche Berechnungsschritte sind als Berechnungsmodelle aufbereitet und können angepasst, erweitert und für beliebige Routensammlungen wiederholt ausgeführt werden.

Die zusammenfassende Gesamtberechnung wird aus dem folgenden Bild ersichtlich:


Es resultiert ein flächiger Korridor zwischen dem Start- und Zielpunkt innerhalb dessen sich die optimale Route befinden sollte. Eine solche Berechnung kann grundsätzlich mit oder ohne Lawinenbulletin ausgeführt werden und ergibt entsprechend statische oder dynamische Kartenprodukte. Die auf Skitourenguru publizierten Korridore sind immer statisch, d.h. das Lawinenrisiko wird nicht direkt berücksichtigt.

Mit solchen Methoden ist es grundsätzlich auch möglich, nicht nur einzelne Routen, sondern auch Skitouren einer ganzen Region zu rechnen. Siehe Automatisch erzeugte Skitourenkarten.

Hast du Fragen oder Kommentare zur automatischen Berechnung von Routen bzw. Korridoren? Mach einen Eintrag im Forum "Routenkorridore"!

Andreas Eisenhut, Januar 2017