Gefahrenskalen

1. Europäische Lawinengefahrenskala

Die Lawinenwarnungen im Alpenraum beschreiben die Lawinengefahr mit der fünfteiligen europäischen Lawinengefahrenskala. Dabei hängt die Gefahrenstufe von verschiedenen Grössen ab, insbesondere der Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen, der Verbreitung der Gefahrenstellen und der Lawinengrösse. Eine Gefahrenstufe gilt immer für eine Region und nicht für einen bestimmten Einzelhang. Die im Lawinenbulletin beschriebene Gefahrenstufe ist immer eine Prognose. Sie sollte vor Ort überprüft werden.

Gefahrenstufe Symbol  Schneedecken-Stabilität Lawinen-Auslösewahrscheinlichkeit Empfehlungen
sehr gross (5)
Die Schneedecke ist allgemein schwach verfestigt und weitgehend instabil. Spontan sind viele sehr grosse, mehrfach auch extrem grosse Lawinen zu erwarten, auch in mässig steilem Gelände. Verzicht auf Schneesport abseits geöffneter Abfahrten und Routen empfohlen.
gross (4)
Die Schneedecke ist an den meisten Steilhängen schwach verfestigt. Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung an zahlreichen Steilhängen wahrscheinlich. Fallweise sind spontan viele grosse, mehrfach auch sehr grosse Lawinen zu erwarten. Sich auf mässig steiles Gelände (<30°) beschränken. Auslaufbereiche sehr grosser Lawinen beachten. Unerfahrene bleiben auf den geöffneten Abfahrten und Routen.
erheblich (3)
Die Schneedecke ist an vielen Steilhängen nur mässig bis schwach verfestigt. Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung vor allem an den angegebenen Steilhängen möglich. Fallweise sind spontan einige grosse, vereinzelt aber auch sehr grosse Lawinen möglich. Für Wintersportler kritischste Situation! Optimale Routenwahl und Anwendung von risikomindernden Massnahmen sind nötig. Sehr steile Hänge (>35°) der im Lawinenbulletin angegebenen Expositionen und Höhenlagen meiden. Unerfahrenen wird empfohlen, auf den geöffneten Abfahrten und Routen zu bleiben.
mässig (2)
Die Schneedecke ist an einigen Steilhängen nur mässig verfestigt, ansonsten allgemein gut verfestigt. Lawinenauslösung ist insbesondere bei grosser Zusatzbelastung, vor allem an den angegebenen Steilhängen möglich. Sehr grosse spontane Lawinen sind nicht zu erwarten. Vorsichtige Routenwahl, vor allem an Hängen der im Lawinenbulletin angegebenen Expositionen und Höhenlagen. Sehr steile Hänge (>35°) einzeln befahren. Besondere Vorsicht bei ungünstigem Schneedeckenaufbau (Altschneeproblem).
gering (1)
Die Schneedecke ist allgemein gut verfestigt und stabil. Lawinenauslösung ist allgemein nur bei grosser Zusatzbelastung an vereinzelten Stellen in extremen Steilgelände möglich. Spontan sind nur kleine und mittlere Lawinen möglich. Extrem steile Hänge (>40°) einzeln befahren und Absturzgefahr beachten.

 

2. Differenzierte Lawinengefahrenskala

Die europäischen Lawinengefahrenskala ist ein standardisiertes Mass für die Lawinengefahr und deckt vom Tourismus bis hin zur Gefährdung von Siedlungsgebieten und Infrastrukturen den ganzen Bereich ab. Für den Skitouristen ist die Skala sehr grob, da Touren grossmehrheitlich bei nur zwei Stufen (2=mässig, 3=erheblich) stattfinden. Grobe Klassen erleichtern dem Benutzer die Einordnung der Gefahrenlage und entsprechen in etwa der Genauigkeit, mit der eine Lawinengefahr prognostiziert werden kann. In verschiedenen Publikationen wird darauf hingewiesen, dass die Gefahrenbeschreibung weitere wichtige Zusatzinformationen enthält (Beispiel: Erheblich ist nicht gleich erheblich). Nicht nur enthalten die Gefahrenbeschreibungen Informationen zur aktuell herrschenden Lawinensituation, sondern auch weiterführende Hinweise zur Höhe der Lawinengefahr.

Nachfolgend findet sich eine grobe Übersicht über verschiedene, von der Lawinenwarnung in der Schweiz behandelte Themen und möglichen Formulierungen. Die Lawinenwarnungen in Italien, Frankreich, Österreich und Deutschland mögen ähnliche Formulierungen verwenden, eine direkte Übertragung ist jedoch nicht ohne weiteres möglich. Durch eine aufmerksame Textanalyse ist es möglich herauszufinden, ob die Lawinenwarnung die Lawinengefahr eher an der unteren Grenze (-) oder an der oberen Grenze (+) der angegebenen Gefahrenstufe ansiedelt. Aus der Zuweisung von (+/-) ergibt sich eine differenzierte Gefahrenskala mit den folgenden Stufen: 1, 1+, 2-, 2, 2+, 3-, 3, 3+, 4-, 4. Man beachte, diese Skala bleibt voll kompatibel zur europäischen Gefahrenskala.

Thema Formulierungen
Spontanlawinen kaum möglich, vereinzelt möglich, möglich, zu erwarten
Fernauslösung vereinzelt möglich, möglich, wahrscheinlich, häufig
Auslösbarkeit kaum auslösbar, vereinzelt auslösbar, teils auslösbar, auslösbar, teils leicht auslösbar, leicht auslösbar, sehr leicht auslösbar, kaum störanfällig, vereinzelt störanfällig, teils störanfällig, störanfällig, sehr störanfällig, mit grosser Belastung, mit meist grosser Belastung, teils mit kleiner Belastung, mit kleiner Belastung, schon mit kleiner Belastung
Anzahl Lawinen einzelne, einige, viele, zahlreiche
Grösse Lawinen klein, mittel, gross, gefährlich gross, sehr gross, extrem gross
Alarmzeichen -, vereinzelt möglich, einzelne, häufig
Gefahrenstellen sehr selten, selten, eher selten, weit verbreitet, häufig
Verkehrswege kaum gefährdet, können vereinzelt gefährdet sein, können gefährdet sein, sind vereinzelt gefährdet, sind gefährdet, sind verbreitet gefährdet
Gefährdung von Gebäuden und Siedlungen kaum gefährdet, können vereinzelt gefährdet sein, können gefährdet sein, sind vereinzelt gefährdet, sind gefährdet, sind verbreitet gefährdet

 

Das Ableiten einer differenzierten Gefahrenstufe ist vor allem für die maschinelle Nutzung sinnvoll, sofern die differenzierte Gefahrenstufe im langfristigen Durchschnitt näher an der Realität liegt, als die europäische Gefahrenstufe. Ein internes Forschungsprojekt der Schweizer Lawinenwarnung legt nahe, dass diese Bedingung erfüllt ist. Sofern diese Bedingung erfüllt ist, spielt es auch keine Rolle wenn die Ungenauigkeit der Einschätzung grösser ist als die Schrittweite der differenzierten Gefahrenstufe (1/3 einer Gefahrenstufe).

Doch wie kann Skitourenguru eine differenzierte Gefahrenstufe ableiten? Textauswertung der Gefahrenbeschreibungen mittels Machine-Learning wäre eine Möglichkeit. Im Falle der Schweiz ist eine solche Auswertung nicht nötig. Seit dem Winter 2018/19 kann Skitourenguru auf die im Zuge der internen Forschungsarbeit von der Lawinenwarnung des SLF ermittelte, differenzierte Gefahrenstufe zurückgreifen. Im Falle von Italien, Frankreich, Österreich und Deutschland wird es auf Grund der Unterschiede im Sprachgebrauch erst mittelfristig möglich sein eine differenzierte Gefahrenstufe abzuleiten.